vom „concept store“ zum dienstleister: „das möbel“


Zu Beginn haben viele dem „möbel“ ein baldiges Ende prophezeit. Junges heimisches Design in einem Café zu verkaufen, klang zwar sympathisch, aber doch ein wenig naiv. Wie soll das funktionieren? Die Bedenken waren nicht ganz unberechtigt. Denn als „das möbel“ vor mehr als neun Jahren 1998 in Wien-Neubau startete, war „junges Möbeldesign“ ebenso wenig bekannt wie der Begriff „Concept Store“.

 

Kaum zu glauben: Die Kombination aus Café und Shop stellte so manchen Gast vor größere Herausforderungen (Wie, ich kann den Sessel hier gleich kaufen?). Dazu kam das Sortiment: „Wir waren eine Galerie für schräge Sachen“, erinnert sich „möbel“-Mitbegründer Lothar Trierenberg. Als Plattform wurde „das möbel“ intensiv von jungen Kreativen genutzt, heute längst etablierte Designer-Teams wie Lucy.d, Polka oder bkm erhielten hier ihre erste Chance auf Öffentlichkeit. Sie konnten ihre Entwürfe zeigen und zugleich auf Belastbarkeit hin testen, gemäß der Formel: 1 Monat im Café = 1 Jahr Heimanwendung. Alle paar Monate wurde das komplette Interieur ausgetauscht, um für neue Ideen Platz zu machen.

 

Doch mit Prototypen und Kleinserien kommt man auf die Dauer nicht weit, ein Professionalisierungsschub war unausweichlich. In Hinkunft wurde stärker selektiert, statt Einzelmodelle rückten serienreife Produkte in den Vordergrund. Dass im Laufe der Jahre aus einer bunten Alternativ-Szene ein ernstzunehmender Kulturfaktor Wiens wurde, ist also zweifellos auch ein Verdienst des „möbels“. Allein schon die Quantität ist beachtlich: In neun Jahren wurden über 2000 Produkte von rund 400 Designerinnen und Designern aus Österreich und den Nachbarländern präsentiert. 

das möbel -> das geschäft


Damit man den Überblick über das aktuelle Sortiment behält und auch Kunden erreicht, die nicht vor Ort sind, startete man vor 8 Jahren einen Webshop, 2005 kam außerdem der erste „möbel“-Katalog heraus. Der nächste Schritt war ebenfalls konsequent: Seit November 2006 gibt es in der Gumpendorfer Straße – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Café Sperl und zum legendären Retro-Möbelshop „Lichterloh“ – ein eigenes Verkaufslokal.

 

Dort findet man unter anderem jene Stücke, die für das Café zu groß oder zu unpraktisch sind (Stichwort: Betten und Polstermöbel). Übrigens: den Großteil der „möbel“-Ware erhält man nirgendwo anders, weit mehr als die Hälfte davon stammt von österreichischen Entwerfern und Herstellern.

Nicht zuletzt Dank des neuen Geschäfts ist das „möbel“ mittlerweile weit mehr als eine bloße Verkaufsplattform. Es ist mehr Zeit für Kundenberatung generell und für Beratung bei Sonderwünschen sowie umfangreichen Planungen, bei Bedarf wird auch ein Kontakt zwischen Käufer und Produzent hergestellt. Aus dem Spontan-Projekt der Anfangsjahre ist ein Rundum-Dienstleister geworden. Zeit also für einen melancholischen Nachruf auf die Jugendzeit? Weit gefehlt! Denn die Grundwerte des „möbels“ werden weiterhin gelebt: Lust am Neuen, Engagement für junge Kreative und vor allem Spaß an der Sache. Oder noch besser: Spaß an der Arbeit. Und der ist mindestens so wichtig wie gutes Design.

 

Peter Stuiber (Designjournalist und Buchautor, Pressesprecher Wien Museum)

möbel im gespräch


Bei Melange und Topfenstrudel Tapeten betrachten. Über einem kleinen Bier die Maße für den neuen Arbeitstisch ausrechnen. Oder eine Tasche kaufen, während man an einem besonders heißen Tag einen kalten Apfelsaft trinkt.

BesucherInnen des „möbel“ kommen aus drei Gründen: Sie wollen entweder Zeit im Kaffeehaus verbringen, dort ausgestellte Produkte kaufen oder – beides. Wie die Idee zu diesem einzigartigen Konzept entstanden ist, wie es sich entwickelt hat und was in Zukunft noch passieren wird, erzählen Lothar Trierenberg und Markus Luger im Interview.

Auch wenn die Entstehungsgeschichte „möbel-Freunden“ bekannt ist: Wie ist „das möbel“ entstanden?

ML: Die erste Idee war eigentlich, ein Möbelgeschäft aufzumachen. Es ist dann aber mit der Zeit die Kaffeehaus-Idee dazu gekommen, weil es einerseits einfach vom Konzept her spannender ist, andererseits für potenzielle Kunden erhebliche Vorteile bietet – der Hauptvorteil ist natürlich, dass sie die Sachen benutzen können und eine ungezwungene Einkaufsatmosphäre haben, weil man ja mehrmals hierher kommen kann, ohne dass jetzt gleich ein Verkäufer kommt und fragt, ob man etwas kaufen will.

Wie sehen die potenziellen Kunden des „möbel“ eigentlich aus? Wer kauft im „möbel“ ein? 

LT: Einerseits sind die Gäste auch die Kunden, aber es gibt natürlich einen gewissen Unterschied. Im Kaffeehaus sind wesentlich mehr Gäste, die keine Möbel kaufen oder noch keine Möbel kaufen. Auf der anderen Seite gibt’s die typischen Kunden, die nur kommen, um etwas zu kaufen. Wir haben unsere Zielgruppe immer definiert als Zweit- oder Dritt-Einrichter – also nicht die ganz Jungen, die sich zum ersten Mal einrichten und sehr aufs Geld schauen müssen, sondern eher die Menschen, die Möbel fürs Leben haben wollen, die länger halten und auch einen höheren Preis haben dürfen.

„das möbel“ bemüht sich ja besonders um junge, nicht etablierte DesignerInnen und MöbelbauerInnen; welche Vorteile entstehen dadurch für diese?

LT: Ich denke, das war der zweite und wichtige Impuls, „das möbel“ zu machen – eine Plattform für die eben nicht etablierte, junge Szene zu bieten, vor allem, um an die Öffentlichkeit zu kommen; nicht nur, um Dinge zu verkaufen, sondern um mal ausstellen zu können, sich sozusagen am Markt zu behaupten und zu sehen, wie das Publikum darauf reagiert.

Vermutlich auch um zu sehen, ob die Möbelstücke funktionstauglich sind…

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